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Journal

Retard und Avance: Was bedeuten R und A an alten Uhren?

 

Michael Manßhardt, Uhrmachermeister, mit einer Taschenuhr

Von
Uhrmachermeister

Lesezeit ca. 3 Minuten

Auf der Pendellinse dieser Uhr stehen zwei reich verzierte Buchstaben: R und A. Das Foto aus meinem Archiv zeigt einen Hinweis auf die Gangregulierung. Die Abkürzungen stehen für die französischen Begriffe „Retard“ und „Avance“. Sie begegnen uns auch an Reguliervorrichtungen im Uhrwerk.

Pendellinse mit den verzierten Buchstaben R und A, einer Stellmutter darunter und einer Skala im Hintergrund
R und A auf einer Pendellinse. Eigene Aufnahme aus meinem Fotoarchiv.

Wer ihre Bedeutung kennt, versteht besser, warum eine Uhr nach dem Stellen zunächst richtig anzeigen und am nächsten Tag schon wieder abweichen kann.

R und A geben die Richtung der Gangkorrektur an

„Retard“ bedeutet Nachgehen oder Verzögerung, „Avance“ Vorgehen oder Vorsprung. Als Regulierkennzeichnung steht R für eine Verstellung in Richtung langsamer und A für eine Verstellung in Richtung schneller. Entsprechend finden sich auch Plus und Minus oder die englischen Bezeichnungen F und S für „Fast“ und „Slow“. Die Fondation Haute Horlogerie beschreibt diese Beschriftungen am Rücker einer Unruhuhr.

Damit ist die gewünschte Änderung gemeint: Eine Uhr, die täglich Zeit verliert, braucht eine Korrektur in Richtung schneller. Eine Uhr, die täglich Zeit gewinnt, in Richtung langsamer. Welche Schraube oder welcher Hebel dafür zuständig ist, hängt vom jeweiligen Werk ab.

Uhrzeit stellen und Gang regulieren

Ein Beispiel: Eine Uhr wird um zwölf Uhr richtig gestellt. Am folgenden Mittag zeigt sie eine Minute zu viel an. Läuft sie weiterhin gleichmäßig um eine Minute pro Tag vor, beträgt die Abweichung nach drei Tagen drei Minuten.

Beim Stellen korrigiert man die angezeigte Uhrzeit. Beim Regulieren verändert man, wie schnell die Uhr anschließend läuft. In der Uhrmacherei unterscheidet man deshalb zwischen dem „Stand“, also der momentanen Abweichung zur Vergleichszeit, und dem „Gang“, der Veränderung dieser Abweichung über einen bestimmten Zeitraum.

Für eine sinnvolle Beurteilung sind mehrere Beobachtungen zu vergleichbaren Zeiten hilfreich. Eine einzelne falsche Anzeige verrät noch nicht, wie groß die tägliche Gangabweichung ist.

Am Pendel, am Zifferblatt oder im Uhrwerk

Bei einer üblichen Pendeluhr lässt sich der Gang über die Lage des Pendelkörpers beeinflussen. Wird die Pendellinse angehoben, schwingt das Pendel schneller; wird sie abgesenkt, langsamer. Häufig übernimmt eine Reguliermutter diese Höhenverstellung.

Bei manchen französischen Pendulen ist die Regulierung dagegen vom Zifferblatt aus zugänglich. Ein kleiner Schlüssel betätigt dort eine Vorrichtung zur Änderung der wirksamen Pendellänge. Die Beschriftung zeigt also die Richtung der Korrektur; die zugehörige Mechanik kann unterschiedlich aufgebaut sein. Das Institute of Conservation erläutert beide Bauarten.

Uhren mit Unruh und Spiralfeder arbeiten nach einem anderen Prinzip. Bei vielen dieser Werke verändert ein Rücker die wirksame Länge der Spiralfeder. Die gleiche Kennzeichnung R/A kann deshalb an sehr unterschiedlichen Reguliereinrichtungen stehen.

Wann eine Untersuchung sinnvoll ist

Eine gleichmäßige tägliche Abweichung lässt sich anders beurteilen als ein plötzlich wechselnder Gang oder wiederholtes Stehenbleiben. Im zweiten Fall sollte zunächst der Zustand des Uhrwerks untersucht werden. Eine Regulierung ersetzt keine notwendige Uhrenreparatur. Auch das Institute of Conservation empfiehlt bei unregelmäßigem Gang oder verkürzter Laufdauer eine fachliche Untersuchung. Hinweise zur Pflege historischer Uhren

Wenn Sie eine historische Uhr besitzen, die auffällig vor- oder nachgeht, schildern Sie mir über das Kontaktformular, wie sich die Abweichung entwickelt und seit wann Sie diese beobachten. In meinem Atelier in Lauingen an der Donau beschäftige ich mich mit der Reparatur und Restaurierung historischer Uhren.

Michael Manßhardt · Uhrmachermeister & Restaurator

Fachliteratur: Günter Krug, Mechanische Uhren, 1987, S. 187 und 223; Ludwig Lehotzky, Mechanische Uhren mit Fachzeichnen, Band II, 1961, S. 253–255 und 273–274.

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